TV-Reportage am 07. August, 21.15 Uhr ServusTV »
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Stand: August 2014
Im Visier der WETTMAFIA
Der Fall

Im November 2013 gelang dem österreichischen Bundeskriminalamt der bislang härteste Schlag gegen die Wettmafia. Die eigens eingerichtete »Task Force Wettbetrug« hatte die Operation »Rinas« eingeleitet, um mehrere Schlüsselfiguren eines international agierenden Netzwerkes aus dem Verkehr zu ziehen. Die Vorwürfe wiegen schwer: Verdacht des schweren gewerbsmäßigen Betruges; Bildung einer kriminellen Vereinigung.


Die Gruppe ist dringend verdächtig, im Zeitraum von 2004 bis November 2013 ca. 17 österreichische Fußballspiele manipuliert zu haben, um - wie das Bundeskriminalamt formuliert – » sich bzw. weitere Komplizen durch die Platzierung von Wetten auf diese manipulierten Ergebnisse unrechtmäßig zu bereichern.«


Am Freitag, 8. August, startet im großen Schwurgerichtssaal des Grazer Landesgerichts der erste Strafprozess: Zehn Personen müssen sich an vorerst zehn Verhandlungstagen verantworten. ServusTV sendet dazu am 7. August die aktualisierte Fassung der Dokumentation "Im Visier der Wettmafia" (21.15 Uhr).

Hansjörg Bacher, Sprecher Staatsanwaltschaft Graz
Hansjörg Bacher, Sprecher Staatsanwaltschaft Graz


Die Operation Rinas ist nach dem Flughafen von Tirana benannt. Ein Hinweis auf die internationale Dimension organsierter Kriminalität, die im Sport mittlerweile eine weltweite Problematik darstellt.

 

Tatsächlich sind die beiden in Österreich festgenommenen mutmaßlichen Drahtzieher und Hauptverdächtigen albanischer Herkunft, sie sollen gemeinsam mit dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Sanel Kuljic operiert haben, der wiederum den ehemaligen Fußballprofi Johannes Lamprecht angeheuert haben soll, um weitere Spieler für abgekartete Spiele zu gewinnen.


Einer dieser Spieler war Dominique Taboga, ein bis dahin nicht übel beleumundeter Fußballprofi, einst Kapitän bei Kapfenberg, später auch bei Grödig. Taboga hatte durch seinen Gang zur Polizei und ein - auf Etappen erfolgtes - umfangreiches Geständnis neue Dynamik in den Fall gebracht. In einer koordinierten Schwerpunktaktion wurden Ende November 2013 zwanzig weitere Spieler zu den Vorwürfen als Beschuldigte befragt, nachdem bei den Albanern eine Liste mit 26 Namen aufgetaucht war.


Laut dem Bundeskriminalamt ergibt sich der Verdacht, wonach »insgesamt etwa 30 Fußballspieler ebenfalls an Manipulationshandlungen beteiligt bzw. zumindest in Kontakt mit den Hintermännern dieser kriminellen Vereinigung gestanden sind.« Zwischenzeitig wurden in diesem Kriminalfall mehr als 40 Personen als Beschuldigte geführt.


Unabhängig von dem nun in Graz startenden Prozess wird das Ermittlungsverfahren gegen 15 weitere Beschuldigte fortgesetzt. Es handelt sich dabei - laut Staatsanwaltschaft - ausnahmslos um (ehemalige) Fußballspieler.

Der Auslöser
Wer sich in die Fänge der Mafia begibt, der muss mitunter mit üblen Nebenwirkungen rechnen. So geschehen auch im österreichischen Wettskandal. Der geständige Fußballprofi Dominique Taboga trat denn auch die Flucht zur Polizei an. Er habe den Druck durch die Hintermänner nicht mehr ausgehalten. Sogar seine Familie sei massiv bedroht worden. Der Polizei offenbarte Taboga die gesamte Dimension der Erpressung und des Drohpotenzials. Dutzende SMS erreichten den Fußballer täglich. Ihm und seinem Umfeld wurde darin Schlimmstes in Aussicht gestellt, sollte er, Taboga, nicht den Anordnungen Folgeleisten.
Hier ein Auszug...
Sulim D. am 11.11.2013 um 10:55 Uhr
Hebe ab du tepate hunt. Wen du meldest dich nich. Ich klopfe deine haustür ein. Glaub mir es ist keine spass meer :-(
Sulim D. am 1.11.2013 um 11:42 Uhr
Egal ob du werdest dich verschteken, ich werde dir bei deine haus warten mit Auto, bis du nach hause kommst, und es ist egal wiefil sollte ich warten, ganzen tag oder 2 tage. Glaub mir das ist vorbei, du hast mich verarscht.
Sulim D. am 11.11.2013 um 12:56 Uhr
Noch 2 Stunde und ich bin bei dir. Du hast noch zeit alles gud machen, gehe jetzt zu scheis postund schiekst du das geld mann, wen wir hin kommen, wert dir nimand helfen.
Sulim D. am 11.11.2013 um 15:55 Uhr
Mann habe zu dir ghesagt wenn ich komme jetztz zu dir. Du bist erledigt. Verschtest Du nicht? Oder bist du wierklich so tepat? Neme das scheis hendi und rede mit mir :-(
Sulim D. am 11.11.2013 um 16:21 Uhr
Wie lange soll ich deine antwort warten mann? Glaubst Du ist hir heis drausen? Hallo? Wenn ich rein gehe ich mus was erzelen, wegen dir ich werde lügen eigene bruder. Du biist wirklich grose arschloch. Wen du glaubst ich werde das verzeien :-( Mann ich habe im spaziert ganz andere seite und erzelt das deine auto stez nich da, und du bist siche weg, jetzt zalst du mir soo? Das ich habe wegen dir gelogenm und du antwortest mir nicht?
Es begann mit einer Anzeige. Am Nachmittag des 11.11.2013, in den Räumen des Salzburger Landeskriminalamts. Dominique Taboga, ein bis dahin keineswegs übel beleumdeter Fußballprofi in Diensten des SV Grödig, tischte den Beamten eine Geschichte auf, die es in sich hatte: Von Erpressung war da die Rede, durch Sanel Kuljic, den ehemaligen österreichischen Nationalstürmer, und dessen Begleiter, einen Tschetschenen; von einem 50.000-Euro-Offert, leicht verdientes Geld, für eine Spielmanipulation; von Drohungen, bis hin zu einer Waffe: »Nachdem ich immer wieder ablehnte« , gab Taboga zu Protokoll, sei Kuljic’ Kompagnon »plötzlich auf meine Seite am Tisch« gerückt, »legte mir kurze eine Pistole auf den Oberschenkel und sagte: ‚Du wirst es machen’« .

Seit 2012 sei er, Taboga, immer wieder unter Druck gesetzt, erpresst, bedroht worden. Spielmanipualtionen habe er abgelehnt, doch Kuljic habe gefragt, »ob ich wolle, dass meiner Familie etwas passiert« . Da er massive Angst um seine Familie gehabt habe, hätte er eingewilligt, 70.000 Euro zu bezahlen.
Taboga über Erpressung und Bedrohung
Am 12.11. 2013 wurden Kuljic und der Tschetschene, ein Konventionsflüchtling, bei einer fingierten Geldübergabe auf einem Parkplatz in Anif verhaftet.

Wenige Stunden später stand fest: Tabogas Angaben waren zwar kein Scherz zu Faschingsbeginn, aber doch überzeichnet gewesen, damit die Erpresser verhaftet würden. Eine Pistole war nicht im Spiel. Gewalt und Androhungen gegen die Familie jedoch schon. Und zumindest ein Kubotan, eine asiatische Selbstverteidigungswaffe, die Kuljic bei sich trug.
Taboga über den Einstieg in die Manipulation
Wenige Tage später stand fest: Eine Affäre, die in einer Anzeige wegen Erpressung ihren Ausgangspunkt hatte, sollte Österreichs Fußball massiv erschüttern. Die Kriminalisten vermeldeten in einer ersten Zwischenbilanz 17 verschobene Bundesliga-Spiele im Zeitraum 2005 bis 2013.
Wenige Wochen später stand fest: Der Wett-Skandal zieht noch weitere Kreise als gedacht, ein internationales Netzwerk mit Hauptsitz in Albanien hatte auf den österreichischen Profifußballzugegriffen. Zwischenzeitig vermerkten die Ermittler des Wiener Bundeskriminalamtes mehr als 40 Personen auf der Liste der Beschuldigten.

Dominique Taboga hatte ein Geständnis auf Raten abgelegt. Das anfängliche Defensiv-Spiel vor den Kriminalisten bescherte dem Abwehrspieler letztlich zwei Monate Untersuchungshaft. Ende Jänner 2014 kam er als frei. Noch im Frühjahr 2014 soll es eine Anklage wegen schweren gewerbsmäßigen Betruges geben.
Besonders aufschlussreich ist Tabogas Beschuldigtenvernehmung vom 27. November, also unmittelbar nach der Verhaftung: Darin schildert er detailliert, wie erstmalige die Kontaktaufnahme funktionierte; aber auch: welche Mitspieler und Hintermänner wann und wo involviert waren.
»Vor dem Spiel der 2. Österreichischen Bundesliga zwischen DSV Leoben und SV Ried am 26.04.2005« seien Lamprecht und ein weitere Teamkollege von Leoben »auf mich zugekommen und haben mir erklärt, dass man mit der Manipulation von Fußballspielen viel Geld machen kann.«

Daraufhin seien Lamprecht und ein weiterer Spieler in Tabogas »Wohnung in Leoben gekommen und haben uns in einer DVD-Hülle €7000,- pro Spieler (...) übergeben, damit das Spiel verloren geht.« Lamprecht, so geht aus dem Strafakt hervor, sei der Komplize von Kuljic bzw. Mittelsmann der albanischen Hintermänner gewesen.
Taboga über das erste manipulierte Spiel
Taboga über finanzielle Verlockungen
Erst 2008, erklärt Taboga, habe er Hintermänner persönlich kennen gelernt, es habe konspirative Treffen mit Kuljic, Lamprecht den Albanern gegeben. Mittendrin statt nur dabei: ein ehemals sehr bekannter deutscher Bundesliga-Spieler mit albanischen Wurzeln, der die Spieler einmal, 2010, beschimpft hätten, weil ein Spiel nicht wie gewünscht „funktioniert hatte“.


Taboga: »Ich musste dann via Skype mit einem mir unbekannten Mann (...) kommunizieren und diesem Mann erklären, warum es nicht funktioniert hat und versprechen, dass wir es so schnell wie möglich wieder gut machen.«

Ab 2012 wurde Dominique Taboga nach missglückten Manipulationen massiv erpresst und unter Druck gesetzt. Vor allem von Kuljic, der Geld forderte: » Er drohte dabei damit, meiner Frau etwas zu erzählen (...)« Und weiter: » In der Folge habe ich dann laufende Postanweisungen zu Gunsten des Sanel Kuljic gemacht.« Immer dann, wenn Kuljic und Kompagnon die überwiesenen Geldbeträge zu gering erschienen, » haben sie mich telefonisch oder per SMS kontaktiert und mir gedroht, meiner Familie etwas anzutun.«
Taboga hat laut eigenen Angaben rund 70.000 Euro von der Wettmafia erhalten. Mehr als 100.000 Euro seien ihm in weiterer Folge abgepresst worden. Sanel Kuljic bestreitet alle Vorwürfe vehment. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.
Taboga über das Betrugsnetzwerk
Die Akte
Die Experten
Dieter Csefan
Michaela Ragg
Friedhelm Althans
Alfred Ludwig
Die Sportwette

Das einst übel beleumundete Wetten hat sich zum Massenphänomen ausgewachsen. Wer sich bei einem der zahlreichen Anbieter registriert, kann jederzeit via Internet vielfältigste Wetten platzieren. Ob Fußball, Pferde, Formel 1. Ganz legal. Das Geschäft boomt seit Jahren.


Die in Europa ansässigen Anbieter unterliegen strengen Auflagen und schützen sich selbst gegen Wettbetrug. Sie verfügen über ein Alarmsystem, das bei auffälligen Wetteinsätzen anschlägt. Etwa wenn plötzlich auffällig hohe Summen auf ein Spiel gesetzt werden.


Dann können die Anbieter diese Wetten jederzeit aus dem Programm nehmen und bei den Behörden die Verdachtsmomente melden - was nicht zuletzt auch im Interesse der Anbieter liegt, denn die sind ja letztlich die Geschädigten im bösen Spiel. Dies und die Registrierungspflicht der Spieler freilich halten potenzielle Wettbetrüger mittlerweile von europäischen Wettkonzernen weitgehend fern. Sie orientieren sich Richtung Asien. Denn dort kann man anonym setzen.

Und noch etwas: Während man bei europäischen Anbietern pro Spiel maximal 75.000 Euro setzen darf, sind bei asiatischen Wettbörsen Einsätze bis zu einer Million Euro pro Spiel möglich. Auch dies ist ein Grund, warum das illegale Geschäft mit manipulierten Spielen über Asien läuft.


Das Problem in Südostasien ist prekär: In fast allen asiatischen Ländern ist Wetten generell verboten. Die wenigen wichtigen Börsen verfügen über Lizenzen in Manila, da auf den Philippinen Sportwetten legal ist. Wenn also etwa wettwillige Chinesen ihrer Leidenschaft nachgehen wollen, dann müssen sie den illegalen Weg wählen. Regionale Buchmacher mit Geld versorgen, die dann wiederum über Kontakte die Einsätze in Manila platzieren.


Das bringt den drei Marktführern SBOBet, IBCBet und 188Bet unglaubliche Umsätze. Diese drei Anbieter transferieren nach Schätzungen jede Woche rund zwei Milliarden US-Dollar. Inkludiert sind hier auch die Gelder, die die Wettmafia durch manipulierte Spiele scheffelt. Darunter auch Hunderte Spiele in europäischen Ligen.

Wetteinsatz: € pro Spiel
Tipp 1
Tipp X
Tipp 2
Ergebnis
Einsatz
Gewinn
5.5 Sportfreunde Stamm
3.0 X
2.5 SpVgg Lahn-Weiler
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1.0 FC Winterstein-Uhl
5.0 X
8.5 SV Hagenberg
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1.5 SC Adendorf 06
3.0 X
3.5 VfL Schwarzenbrück
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3.5 KV Vorderstetten
2.0 X
1.5 DJK Haunstadt
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7.0 Eintracht Ottenkofen
4.0 X
1.5 FC Baumburg 04
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Die beiden oben rot markierten Begegnungen werden von teilnehmenden Spielern aktiv manipuliert - aufgrund ihrer hohen Wettquoten. Wenn nun beide Partien als Kombiwette gespielt werden, bedeutet das: Ihre Quoten werden multipliziert, und die Gesamtquote wird wiederum mit dem Einsatz multipliziert.


Im konkreten Fall heißt das: Der SV Hagenberg gewinnt gegen den FC Winterstein-Uhl (Spieler von Winterstein-Uhl wurden im Vorfeld bestochen und haben die Partie manipuliert), die Quote beträgt 8,5. Zudem siegt Eintracht Ottenkofen gegen den FC Baumburg 04 (auch hier wurden Spieler „gekauft“, um den Erfolg des Außenseiters zu ermöglichen). Quote: 7,0.


Multipliziert man beide Quoten, ergibt das eine Gesamtquote von 59,5. Hat nun die Wettmafia 100.000 Euro auf eben diese Kombination gewettet, ergibt das am Ende eine Auszahlungssumme von fast sechs Millionen Euro.

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